Die Legenden über das Opernhaus

Auf die Frage: welches Gebäude dem durchschnittlichen Stadtbewohner am liebsten ist – wird die Antwort zweifellos „das Opernhaus“ sein. Es fällt ihnen nie lästig zu betonen, dass das Operntheater eines der schönsten in der Ukraine und in Europa ist. 

Das Theater für Oper und Ballett wurde 1900 nach dem Projekt des lwiwer Architekten Zygmunt Gorgolewski errichtet. Und die erste Legende erschien gleich nach seinem Tod. Man erzählte, dass in einem Jahr nach Bauabschluss der Architekt sich das Leben genommen hat, weil der unterirdische Fluss Poltwa das Gebäude beschädigt hatte. Tatsächlich starb er aus einem anderen Grund und für den Fluss hatte man damals einen Seitenkanal gebaut. Man darf aber nicht vergessen, dass unter dem Freiheit Prospekt (Prospekt Swobody) der Fluss doch fließt, und sogar während der sowjetischen Zeiten war die schwere Militärtechnik an den Feierparaden verboten.

Der erste Leiter des Theaters war Pawlikowski, der so in die Oper verliebt war, dass er sogar eigene Kosten in die Kasse zugezahlt hat. Da prunkvolle Aufführungen und die Einladung von ausländischen Prominenten viel Geld kosteten, verkaufte der Leiter seinen Besitz in Medyka um sein Lieblingswerk von Finanzschwierigkeiten zu retten.

Das Lwiwer Opernhaus hat auch seine romantischen Dramen. Am Anfang des 20. Jh. hat sich der berühmte lwiwer Augenarzt Buschynski wegen der unglücklichen Liebe zu einer Sängerin das Leben genommen. 1912 wurde die Schauspielerin Janina Ohinska Schenderowytsch vom bekannten lwiwer Frauenhelden, Jurist und Bänker, Stanislaw Lewytski aus Eifersucht erschossen.

Eine höchstinteressante Legende ist mit dem schon mehr als einhundertjährigen Vorhang der Lwiwer Oper „Parnasus“ verbunden. Als der Bau des Theaters fast zu Ende war, hatte man beschlossen, dass der Vorhang genau so prächtig und feierlich wie das Gebäude selbst sein sollte. Die Gründer haben Fachleute zu den europäischen Theatern geschickt, um ein Muster, das am besten zur Lwiwer Oper passt, zu wählen. Die Vorhänge in den Theatern in Mailand und Krakau haben ihnen am meisten gefallen. Deren Autor war der polnische Künstler ukrainischer Herkunft Henryk Siemiradzki, dem der lwiwer Theatervorhang bestellt wurde.
Die Schaffung des Meisterwerks dauerte vier Jahre, inzwischen wurde das Theater errichtet. Als der Vorhang schon fertig war, stellte sich heraus, dass die Auftraggeber kein Geld hatten, diesen auszukaufen. Das Theater wurde überwiegend für Stiftungsgelder der Förderer gebaut, die aber kein Geld mehr spenden wollten.
Die Auftraggeber haben dem Künstler Siemiradzki mitgeteilt, dass es kein Geld gibt, um seine Arbeit zu bezahlen. Der Künstler war aber nicht beleidigt, sondern hat ihnen sogar sein Meisterwerk gezeigt. Sie waren von der Schönheit des Vorhanges so überrascht, dass sie vor diesem nur erstaunt standen, ohne ein Wort zu finden. Das war genau der Vorhang, von dem sie so lange geträumt hatten. Die ganze Nacht haben die Auftraggeber wegen des künstlerischen Wertes und der Einzigartigkeit des Vorhanges diskutiert. Am Morgen kamen sie wieder zum Künstler Siemiradzki und baten ihn ihnen den Vorhang nochmal zu zeigen, um ihren Streit auszufechten. Siemiradzki war selbst schon wegen des Themas neugierig und verbrachte mit seinen Gästen aus Lwiw einige Stunden vor dem Vorhang. Am nächsten Tag, als die Gäste baten, ihnen zum letzten Mal den Vorhang zu zeigen, verstand der Künstler, dass niemand sein Meisterwerk so schätzen wird, wie in Lwiw. So hatte er eine großzügige Entscheidung getroffen, den Vorhang der Lwiwer Oper zu schenken. Das war gerade vor der Eröffnung des Opernhauses 1900. In zwei Jahren starb der Künstler, sein Werk wird aber von dem lwiwer Publikum immer noch bewundert.   

Die Skulpturen am Lwiwer Opernhaus waren immer mit Legenden umhüllt. So wurde die Hauptfigur „Ruhm“, die den Giebel krönt, zu einem Streitobjekt. Ein Professor der Lwiwer Universität, der lange Geburtshilfe und Gynäkologie unterrichtete, hat mit seinen Freunden gestritten, als sie einmal neben dem Theater spazierten. Er war der Meinung, dass die Statue nicht umsonst so einen Bauch hat. Er hat mit seiner Ehre als Wissenschaftler geschworen, dass so einen Bauch nur die Frauen haben, die im vierten Monat schwanger sind. Um seine Worte zu beweisen, ging der Professor zum Bildhauer, der diese Statue geschaffen hat, um die Adresse des Models zu erfahren. Die Frau hatte wirklich ein Kind, und nach dem Geburtsdatum konnte der prinzipienfeste Professor beweisen, dass die lwiwer Skulptur „Ruhm“ wirklich „schwanger“ ist.